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(Portrait-)Kunst heute

Begriff und Geschichte / Selbstportrait / Aktuelle Tendenzen


Begriff und Geschichte

Die Ursprünge der Portraitkunst liegen bereits in der antiken Plastik, wobei man dort ebenso wie bei der Darstellung von Menschen im Mittelalter noch nicht von Portraits im modernen Sinn einer Darstellung autonomer und individueller Bildinhalte wie in diesem Fall eines bestimmten Menschen, seiner Physiognomie und Charakterzüge sprechen kann. Vielmehr stehen zu dieser Zeit noch Typisierungen und Idealvorstellungen im Vordergrund, welche die Individualität des Dargestellten als das zentrale Charakteristikum eines Portraits überlagern.
Erst in der frühen Neuzeit entwickelte sich nach zaghaften Anfängen wie etwa dem Stifterbildnis, bei dem das Portrait noch im Funktionszusammenhang einer Assistenzfigur zum Zweck eines übergeordneten religiösen Ziels stand, ein Bewusstsein dafür, dass der Mensch auch um seiner selbst Willen, unabhängig von religiösen oder mythologischen Zusammenhängen, abbildungswürdig ist. Dies ist wiederum Ausdruck eines gewandelten Welt- und Menschenbildes, das den Menschen nicht mehr nur als Teil eines übergeordneten Ganzen, sondern zunehmend als selbstbewusstes Individuum versteht, was sich auch im Aufkommen anderer Bildgattungen wie Landschaft oder Stillleben zeigt. Auch diese Motive waren ebenso wie die Darstellung von Menschen bis dahin nur als Teil eines übergeordneten Themas denkbar.
Allerdings blieb das Portrait zunächst den Adligen und Wohlhabenden vorbehalten, indem ihm eine repräsentative Funktion zukam und es insofern noch immer idealisierend und weniger realistisch war. Gattungen wie das Staatsportrait, das Gruppen- und Familienportrait oder das Standes- und Berufsportrait zeugen davon. Erst später verlor das Portrait auch diese Funktion und wurde insofern gänzlich autonom, indem auch einfache Leute oder sogar gesellschaftlich Geächtete wie Gnomen, Bettler oder Prostituierte darstellbar wurden. War das Portrait bis dahin noch eine Auftragsarbeit, bei der der Auftraggeber zwangsläufig Einfluss auf die Ausführung nahm, sodass Künstler und Kunstwerk noch nicht wirklich frei waren, konnte sich der Künstler hier ganz auf die Person des Dargestellten sowie rein gestalterische Probleme und eigene Vorstellungen, eventuell auch gesellschaftskritische Implikationen konzentrieren.

Selbstportrait

Ein besonderes Konzentrat dieser Autonomie, also der Eigengesetzlichkeit des Portraits, die wiederum als Vorstufe des abstrakten Bildes gesehen werden kann, das ganz auf eine Abbildung von Gegenständen und Themen verzichtet und somit ohne Fremdeinfluss allein dem künstlerischen Gestaltungswillen unterworfen bleibt, ist das Selbstportrait. Dabei kann sich der Künstler ganz auf sich selbst, die eigenen Empfindungen sowie neue gestalterische Möglichkeiten konzentrieren, ohne irgendwelchen repräsentativen, weltanschaulichen oder ökonomischen Interessen dienen zu müssen.

Aktuelle Tendenzen

Mit der Weiterentwicklung zur abstrakten Kunst seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts und deren Dominanz nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Portrait als Kunstgattung weithin obsolet und für Künstler uninteressant geworden. Auch wenn das erneute Aufkommen des Realismus als Gegenbewegung zur Abstraktion sowie die Anerkennung der Fotografie als eigenständige und vollwertige Kunstform erneut Bilder des Menschen hervorbringen, so handelt es sich dabei genau genommen nicht mehr um Portraits. Denn im Gegensatz zum Portrait, das einen bestimmten Menschen darstellen und sozusagen für die Ewigkeit konservieren soll, wird hier das Bild eines oft anonymen Menschen vom Künstler als Schnitt- und Angelpunkt gesellschaftlicher, weltanschaulicher und künstlerischer Fragestellungen aufgegriffen und somit auf eine neue, höchst subjektive Art wiederum als Mittel und nicht mehr als Selbstzweck verstanden.
Angesichts des Gesagten kann heute ein klassisches Portrait also nur noch dann als zeitgenössisches Kunstwerk und nicht allein als handwerklich gekonntes Kunststück gelten, wenn es über eine im Grunde selbstverständliche Abbildhaftigkeit im Sinne einer äußerlichen Ähnlichkeit zur dargestellten Person hinaus insbesondere folgende Kriterien aufweist: eine Erahnung dessen, was die Seele bzw. den besonderen Charakter des Dargestellten ausmacht; ein eigenständiges Konzept und künstlerische Handschrift; einen Bezug zum Zeitgeschehen in Form von aktuellen Weltanschauungen und Kunstrichtungen.

Literatur und aktuelle Ausstellungen

Kopf und Kragen. Portrait heute. Galerie der Stadt Backnang (19.11.2016-12.2.2017)
Ich. Das Selbst als Politikum. Köln 2016. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt (10.3.-29.5.2016)
Mit anderen Augen. Das Porträt in der zeitgenössischen Fotografie. Köln 2016. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunstmuseum Bonn (25.2.-8.5.2016)

Dr. Ferdinand Messner M.A.

Einführungstext als PDF zum Download
(nur für private Zwecke, jegliche Form der Vervielfältung und Veröffentlichung - auch in Auszügen - bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Autors sowie der Gesellschaft für Portraitkunst)
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